Vortrag von Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes
Anlass: 2. EVU Gipfel 2010: Die Versorgungswirtschaft im Wandel
Datum/Ort: 14. März 2010, Heiligendamm
– Es gilt das gesprochene Wort –
Sehr geehrte Damen und Herren,
als Präsident des Umweltbundesamtes freue ich mich sehr, mich in diesen energie- und klimapolitisch bewegten Zeiten an Sie zu wenden.
In einem Interview zur Vorbereitung dieser Konferenz wurde ich gefragt, welche Probleme die Energieversorgungsunternehmen zurzeit beschäftigen. Wir – als Umweltbundesamt – schauen darauf natürlich aus Umweltschutzsicht. Die Stromerzeugung aus fossilen Kraftwerken ist für 40 Prozent der deutschen CO2-Emissionen verantwortlich – und damit ein Hauptverursacher der deutschen Treibhausgasemissionen. Die Bemühungen des Staates, diese CO2-Emissionen zu senken, beeinflussen das Geschäft der Energieversorgungsunternehmen (EVU). Daher sollten sich die Energieversorger folgende Fragen stellen:
Diese und weitere Fragen müssen für eine nachhaltige Energieversorgung beantwortet werden.
Was verstehen wir unter einer nachhaltigen Entwicklung der Energieversorgung? Die Brundtland-Kommission definierte eine Entwicklung als nachhaltig, wenn diese den Bedürfnissen der heutigen Generationen entspricht ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Übertragen auf die Energieversorgung bedeutet dies: Die Bereitstellung von Energie für den Endverbraucher muss gleichzeitig umwelt- und sozialverträglich, risikoarm, sicher und wirtschaftlich sein!
Diese Anforderungen werden meist gleichrangig dargestellt. Ohne den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlage ist dem Menschen jedoch ein dauerhaftes Überleben unter angemessenen Bedingungen nicht möglich. Die Umweltdimension der Nachhaltigkeit ist daher als Leitplanke zu verstehen: nur innerhalb der Grenzen der ökologischen Tragfähigkeit ist nachhaltiges Wirtschaften möglich.
Die meisten der derzeit eingesetzten Energieträger erfüllen diese Nachhaltigkeitskriterien nicht. Die fossilen Energieträger sind endlich, ihr Abbau verursacht Umweltschäden, ihre Verbrennung verschmutzt die Atmosphäre und die Luft.
Auch die Abscheidung und Speicherung des CO2 bei der Verbrennung fossiler Energieträger (Carbon Capture and Storage) ist schon wegen der begrenzten Ressource Kohle, aber auch wegen begrenzter Speicherkapazitäten kein nachhaltiger Lösungsansatz. CCS kann höchstens eine Übergangstechnik für die Umstellung zu einem – überwiegend auf erneuerbaren Energien basierenden – nachhaltigen Energiesystem sein. So kann CCS für einige Länder eine Option zur CO2 -Minderung sein - um sich sozusagen Zeit zu kaufen. Die in Frage kommenden CO2-Speicher sind global begrenzt. Hieraus folgt, dass diese Speicher nur für nicht vermeidbare Emissionen aus Industrieprozessen genutzt werden sollten, für die andere Emissionsminderungsoptionen nicht zur Verfügung stehen.
Die Nutzung der Atomkraft birgt Risiken und Belastungen für Mensch und Umwelt, angefangen vom Uran-Abbau, über den Betrieb bis hin zur Entsorgung, und ist somit auch nicht nachhaltig!
Langfristig ist ein Mix aus verschiedenen erneuerbaren Energieträgern verbunden mit der intensiven Nutzung effizienter Energieumwandlungs- und Endenergietechniken die einzige Möglichkeit, unsere Energieversorgung nachhaltig zu gestalten.
Diese Position wird nicht mehr nur von einer Partei vertreten. Spätestens seit der letzten Bundestagswahl – werfen Sie einen Blick in den Koalitionsvertrag - ist dies gesellschaftlicher Konsens über alle parteipolitischen Lager hinweg.
Er sähe keine Alternative zu den erneuerbaren Energien, sagte Bundeswirtschaftsminister Brüderle bei der "Handelsblatt"-Jahrestagung Energiewirtschaft in Berlin.
Energiegewinnung aus Sonne, Wind, Wasser und Geothermie hat zwei entscheidende Vorteile: Diese Energiequellen sind unerschöpflich, und sie sind weitgehend CO2-neutral.
Eine der größten Herausforderungen unserer Zeit ist es, die globale Erwärmung auf maximal zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Ändern wir unsere Lebens- und Wirtschaftsweise nicht, riskieren wir einen Anstieg der globalen Erwärmung von vier bis sechs Grad. Sollte dies Realität werden, wäre ein Leben wie wir es kennen in weiten Teile n der Erde nicht mehr möglich.
Auch schon eine geringere Erwärmung würde für Deutschland erhebliche Auswirkungen auf den Wasserhaushalt der Ökosysteme, auf die Häufigkeit von Extremwetterereignissen sowie auf die Produktion von Nahrungsmitteln haben. Diese Änderungen haben wiederum Auswirkungen auf nahezu alle Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche. Auch die Energieversorger werden betroffen sein. Hier denke ich beispielsweise an die Auswirkungen häufiger Hoch- und Niedrigwasserereignisse insbesondere auf thermische Kraftwerke. Bei häufigem Niedrigwasser sind geringere Kraftwerksleistungen zu erwarten, da Kühlwasser aus Flüssen nicht in benötigtem Umfang in diese zurückgeleitet werden kann. Eine Zunahme extremer Wetterereignisse wird deutlich höhere Versicherungsprämien gegen Schäden nach sich ziehen.
Bereits eine Erwärmung von zwei Grad hat für uns alle schmerzhafte Entwicklungen zur Folge. Selbst diese – nur scheinbar geringfügige - Erwärmung wird dazu führen, dass Ökosysteme und damit auch ihre Funktionen und Dienstleistungen verloren gehen.
Was also müssen wir tun, um unserer Verantwortung für kommende Generationen gerecht zu werden? Wir und alle anderen Industrieländer müssen - um das Zwei-Grad-Ziel mit hinreichender Wahrscheinlichkeit einhalten zu können und so den Klimawandel zu begrenzen - unsere Kohlendioxid –Emissionen bis 2050 um 80 bis 95 Prozent reduzieren. Einen erheblichen Teil dieser Reduktion müssen wir durch die Modernisierung der Stromversorgung erreichen. In Anbetracht der Folgen einer Erderwärmung über zwei Grad ist ein grundlegender Strukturwandel alternativlos.
Eine Modernisierung der Stromversorgung kann aus meiner Sicht nur eine CO2-freie Stromversorgung bedeuten - also 100 Prozent erneuerbare Energien. Das ist ein äußerst ambitioniertes, aber unvermeidliches Ziel. Und, meine Damen und Herren: dieses Ziel ist erreichbar.
Nicht nur der Klimawandel, sondern auch die Endlichkeit fossiler Ressourcen machen diese Modernisierung über kurz oder lang unausweichlich.
Viele Studien zeigen, dass die erneuerbaren Energien in Kombination mit Effizienzsteigerungen beim Stromverbrauch eine klimaverträgliche Stromversorgung in Deutschland gewährleisten können. Im Jahr 2008 haben wir bereits 15 Prozent unseres Stroms aus erneuerbaren Quellen gewonnen! Wenn alle relevanten Akteure an einem Strang ziehen, sind bis zum Beginn des neuen Jahrzehnts 40 Prozent möglichUBA: Politikszenarien für den Klimaschutz V – Auf dem Weg zum Strukturwandel, Dessau-Roßlau 2009!
Schon heute müssen wir weitere Weichen stellen um das Ziel einer 100 Prozent erneuerbare Energien Stromversorgung bis 2050 zu erreichen. Dafür müssen wir die notwendigen Voraussetzungen schaffen:
Bei der effizienteren Nutzung von Energie durch den Endverbraucher sehe ich die Energieversorger und besonders die Stadtwerke als maßgebliche Partner! So können diese ihren direkten Kontakt zum Endverbraucher nutzen und diesem beispielsweise durch Beratung und technische Maßnahmen beim Energiesparen helfen. Eine gesunkene Stromrechnung sollte positive Kundenbindungseffekte nach sich ziehen.
Da mit einer Umstellung der Stromversorgung auf 100 Prozent erneuerbare Energien auch ein Wandel der heute zentral strukturierten Energieversorgung einhergeht, stellt die Investition in intelligente Netze und Speichertechniken eine notwendige Vorraussetzung für die Realisierung einer nachhaltigen Energieversorgung dar.
Wir brauchen intelligente Netze, die sowohl eine individuelle Steuerung des Verbrauchs ermöglichen als auch die Verbindung der unterschiedlichen erneuerbaren Energiequellen sicherstellen und die notwendige Speichertechnik beinhalten. Genauso müssen die Netzbetreiber in den Ausbau der Netze investieren, regional wie auch europaweit. Dies schafft die Vorraussetzung für einen funktionierenden Strommarkt. Dieser wiederum wird uns zur optimalen Nutzung der europäischen Potentiale der erneuerbaren Energien befähigen.
Wie würde eine 100 Prozent erneuerbare Energien -Stromversorgung im Jahr 2050 aussehen?
Hierzu kann ich mir verschiedene Grundszenarien vorstellen. So ist eine extrem dezentral geprägte Energieversorgung denkbar bei der zur Deckung des Energiebedarfs weitestgehend regionale Potentiale genutzt werden. Oder - am anderen Ende der Skala - ist eine auf großen Importanteilen basierende Stromversorgung denkbar. Hier wird Strom aus Wasserkraftwerken in Skandinavien, aus Solarthermie aus Südeuropa und Nordafrika sowie aus Windparks in der Nordsee bezogen. Eine Mischform aus beidem Optionen ist allerdings am wahrscheinlichsten. Zu dieser Frage ist noch viel Forschungsarbeit zu leisten. Entscheidend für die zukünftige Entwicklung ist die Kostenentwicklung, insbesondere bei den Erzeugungskosten der einzelnen Techniken. Die Kosten müssen rasch gesenkt werden, sowohl durch intensive Forschung als auch durch wirksame Einführungsstrategien und den damit verbundenen Skaleneffekten.
Der bereits begonnene Ausbau – vor allem durch die Wirkung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) – muss also fortgesetzt, die Forschung in den relevanten Gebieten weiter ausgebaut werden. Dabei darf auch die Energieeffizienz nicht auf der Strecke bleiben.
Bei einer solchen Entwicklung brauchen wir keine Laufzeitverlängerung von AKW und auch keinen Neubau von zusätzlichen Kohlekraftwerken – weder für den Klimaschutz noch für die Versorgungssicherheit.
Vor allem besteht kein Bedarf an zusätzlichen konventionellen Grundlastkraftwerken, da die residuale Last durch den Ausbau der erneuerbaren Energien deutlich sinkt. Was wir brauchen auf dem Weg bis 2050, ist ein Umbau des Kraftwerkparks.
Hochflexible fossile und regelbare erneuerbare Kraftwerke, Speicher und Lastmanagement müssen die fluktuierenden erneuerbaren Energien ergänzen bis diese die Stromversorgung komplett übernehmen können. Auch Studien für das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi)EWI, CONSENTEC, IAEW: „Analyse und Bewertung der Versorgungssicherheit der Elektrizitätsversorgung, Untersuchung im Auftrag des BMWi, Abschlussbericht 30.05.2008, Aachen, Köln 2008 oder den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI)r2b, EEFA: „Ökonomische Auswirkungen einer Laufzeitverlängerung deutscher Kernkraftwerke“ Endbericht im Auftrag des BDI, Köln, Münster 2010; im Szenario Atomausstieg zeigen mit ihren Strommarktmodellen: Die hohen Auslastungen mit der zusätzliche neue Grundlastkraftwerke heute geplant werden, würden im zukünftigen Kraftwerksmix nicht mehr realisiert werden können. Die fossilen Kraftwerke, die wir in der Übergangszeit noch brauchen, sollten deshalb aus meiner Sicht vor allem Erdgaskraftwerke sein. Diese entsprechen nicht nur in ihrer Kostenstruktur besser den zukünftigen Anforderungen auf dem Strommarkt, sie sind auch der CO2-ärmste und flexibelste fossile Kraftwerkstyp.
Die derzeit diskutierte Laufzeitverlängerung würde zu Überkapazitäten vor allem im Bereich der Grundlast führen und die Wirtschaftlichkeit neuer hochflexibler Kraftwerke in Frage stellen. Laufzeitverlängerungen aller Atomkraftwerke um zehn Jahre hätten zur Folge, dass 2020 mehr Grundlastkraftwerke als 2005 bereitstünden. Dabei brauchen wir mit zunehmendem Anteil erneuerbarer Energien in Zukunft deutlich weniger Grundlastkraftwerke als heute. Betreiber fossiler Kraftwerke würden wegen einer Laufzeitverlängerung geringere Erlöse erzielen, dies träfe zum Beispiel auf kommunale Energieversorger zu.
Aus meiner Sicht muss der langfristige Fahrplan zum Umbau des Kraftwerkparks lauten: Zuerst die Atommeiler vom Netz, dann die Kohlekraftwerke und bis 2050 auch aufgrund knapper werdender Ressourcen die Erdgaskraftwerke. Ersetzt werden diese Erzeugungskapazitäten durch die Fortsetzung des Ausbaus der erneuerbaren Energien und durch die notwendigen Modernisierungsmaßnahmen der Netze zur Gewährleistung der effizienten Nutzung der erneuerbaren Energien sowie des Lastausgleichs.
Nachhaltige Energieversorgung umfasst natürlich nicht nur die Stromversorgung. Jedoch betrifft die Stromversorgung die EVU am konkretesten.
Selbstverständlich dürfen wir die anderen Sektoren, in denen Energie verbraucht wird, nicht vergessen. So haben wir besonders große Effizienzpotentiale bei der Erzeugung und Nutzung von Wärme. Mit der Senkung des Wärmebedarfs von Gebäuden sowie einer effizienteren Wärmebereitstellung auf Basis zunehmender Anteile erneuerbarer Energien kann Deutschland seine Treibhausgasemissionen deutlich reduzieren. In diesem Bereich gehen wir von Minderungspotentialen um die 17 Millionen Tonnen CO2Konzeption des Umweltbundesamtes zur Klimapolitik, Notwendige Weichenstellungen 2009 aus.
Effiziente Energieumwandlungstechniken – wie die Kraft-Wärme-Kopplung – müssen verstärkt genutzt werden. Auch die Treibhausgasemissionen des Mobilitätssektors müssen und können weiter gesenkt werden. Bereits mit heute verfügbarer Technik kann man Fahrzeuge noch erheblich spritsparender bauen. Zudem stecken große Einsparpotenziale in der Infrastrukturplanung und im umweltbewussten Verhalten der Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer.
Wenn es um die Gestaltung einer zukunftsfähigen Stromversorgung geht, dürfen wir neben den Aspekten Umwelt- und Gesundheitsschutz die Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit nicht vernachlässigen.
Der strukturelle Umbau der Stromversorgung wird große Investitionen erfordern.
Klimapolitik wird viel zu oft ausschließlich von der Kostenseite gesehen. Ich sehe Klimaschutz dagegen vor allem als Motor für Innovation, wirtschaftliche Entwicklung und Beschäftigung.
Klimaschutz ist eine lohnende Investition. Bezogen auf das Jahr 2020 kann Deutschland mit jährlichen Investitionen von 24 Milliarden Euro in den Klimaschutz, Energieeinsparungen von 29 Milliarden Euro auslösenUmweltbundesamt: Wirtschaftlicher Nutzen des Klimaschutzes, Dessau – Roßlau 2008.
Die Förderung erneuerbarer Energien und Energieeffizienz bietet enorme Chancen für Wachstum und Beschäftigung. Der Umsatz mit erneuerbaren Energien stieg seit dem Jahr 2003 um 188 Prozent auf 28,8 Milliarden Euro im Jahr 2008 an. Die Beschäftigung nahm innerhalb von nur vier Jahren um über 70 Prozent zu – von 160.500 Beschäftigten im Jahr 2004 auf 278 000 im Jahr 2008. Schätzungen zeigen, dass Klimaschutz im Rahmend er Umsetzung des 40 Prozent-Minderungsziels in Deutschland ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent und ein Plus von Netto 630.000 Arbeitsplätzen bis 2020 erzeugen wird kann.
Wir dürfen aber natürlich nicht nur auf Deutschland schauen. Auch der Weltmarkt für erneuerbare Energien wächst weit überdurchschnittlich, Prognosen aus dem Jahr 2007 gingen von 20 Prozent pro Jahr aus. Deutsche Unternehmen sind da bisher hervorragend vertreten. Deutsche Unternehmen sind führend im Welthandel bei erneuerbare Energien. Ihr Anteil an den globalen ExportenUmweltbundesamt: Wirtschaftlicher Nutzen des Klimaschutzes, Dessau – Roßlau 2008 lag im Jahr 2007 bei 14,4 Prozent vor China mit einem Anteil von 11,8 Prozent.
Den Ausbau erneuerbarer Energien und Energieeffizienz zu fördern ist daher eine kluge Investitionsstrategie.
Je schneller wir diese Modernisierung angehen, desto schneller werden wir alle, auch wirtschaftlich, davon profitieren
Meine Damen und Herren,
ein solches großflächiges Modernisierungsprojekt kann der Staat nicht alleine stemmen. Die jeweilige Regierung setzt als einen Ausdruck des Mehrheitswillens der Bevölkerung den Rahmen und die Standards für eine solche Entwicklung. Für die Umsetzung dieses Ziels brauchen wir die Fähigkeiten von Unternehmen, die Wissen und Technologien für diese Modernisierungsprozesse entwickeln und anwenden. Da denke ich selbstverständlich auch an Sie. Wir brauchen die Innovationskraft von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die diese Prozesse wissenschaftlich begleiten und unterstützen. Und wir brauchen das Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Sie müssen das Bewusstsein für den sparsamen Umgang mit Energie fördern und in ihren Umfeldern weiter verbreiten.
Dass der Gedanke einer Versorgung zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien Akzeptanz findet, zeigt die Tatsache, dass sich viele Kommunen und Landkreise mit den Fragen einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien auseinander setzen und hierzu praxistaugliche Konzepte entwickeln. Die Motivation dazu kommt zwar auch aus dem Umwelt- und Klimaschutz, in den meisten Fällen spielt aber auch die wirtschaftliche Entwicklung der Region ebenso eine Rolle wie die Sicherheit und Eigenständigkeit der Energieversorgung.
Müssen wir ein solches Mammutprojekt starten, selbst wenn sich die EU zu weitaus geringeren Treibhausgas-Minderungen entschließt? Die Antwort ist aus meiner Sicht: Ja!
Wir sind davon überzeugt, dass es beim Klimaschutz Vorreiter geben muss und denken, dass sowohl die EU als auch Deutschland diese Rolle einnehmen sollten. Damit dies so bleibt, muss die EU die Minderungsverpflichtung von 20 auf unkonditionierte 30 Prozent erhöhen. Dies sorgt sowohl im Emissionshandelsbereich als auch darüber hinaus für eine starke Signalwirkung, die grundlegende strukturelle Veränderungen anstößt. Wenn wir es mit einer ambitionierten Klimaschutzpolitik ernst meinen, sind diese strukturellen Veränderungen unbedingt notwendig.
Aber selbst wenn die EU die Emissionsminderungsziele nicht erhöht, ist es richtig, dass Deutschland für sich das 40-Prozent-Ziel verfolgt. Mit Hilfe der Klimaschutzgesetzgebung sollten wir die beschriebenen Minderungspotentiale erschließen, da sie mittel- bis langfristig in jedem Fall auch aus ökonomischer Sicht lohnend sind. Bei der Weiterentwicklung der deutschen und europäischen Klimaschutzpolitik muss der Emissionshandel mit seiner europaweiten Emissionsobergrenze als wichtiges Klimaschutzinstrument berücksichtigt werden. Wir verstehen das Ziel und den Weg dieses Klimaschutzinstrumentes allerdings falsch, wenn wir es als Schutzschild gegen weitere Anstrengungen im Klimaschutz deuten. Auch im Stromsektor, als derzeit größte Emissionsquelle innerhalb des Emissionshandelsbereichs, bleibt beispielsweise beim Netzausbau, der Marktintegration der erneuerbaren Energien, der Technologieentwicklung und der Marktregulierung genügend zu tun, um unsere Klimaziele zu erreichen.
Mitunter wird in der öffentlichen Diskussion zum Klimaschutz eine Vorreiterrolle der EU oder von Deutschland in Frage gestellt. Denn letztlich helfe nur ein globaler Emissionshandel die globalen Treibhausgas-Emissionen zu senken und eine nachhaltige Energieversorgung zu realisieren. Weitere Klimaschutzinstrumente neben dem Emissionshandel seien demzufolge entbehrlich und im schlimmsten Fall sogar schädlich.
Mich überzeugt diese Argumentation nicht!
Die ausschließliche Fokussierung auf einen globalen Emissionshandel vernachlässigt institutionelle und politische Zusammenhänge!
Staaten, die eine Vorreiterrolle beim Klimaschutz übernehmen, erleichtern den Abschluss eines globalen Klimaschutzabkommens. Bei den Klimaverhandlungen brauchen wir nicht weniger sondern mehr Länder, die mit gutem Beispiel vorangehen. Nicht umsonst fordern Entwicklungs- und Schwellenländer klimapolitische Vorleistungen von den Industrieländern. Ambitionierte, innovationsorientierte Klimaschutzpolitiken sorgen für sinkende Vermeidungskosten. Die schnelle Entwicklung preiswerter Substitute für fossile Energieträger - wie zum Beispiel durch die Förderung der erneuerbaren Energien durch das EEG - kann die Umsetzung anspruchsvoller Klimaschutzziele in anderen Ländern erleichtern.
Viele klimapolitische Maßnahmen sind zudem schon deshalb sinnvoll, weil sie auch wirtschaftlich lohnend sind wie die Maßnahmen zur Steigerung der Energieproduktivität.
Außerdem wird der Aufbau des globalen Emissionshandels eine beträchtliche Vorlaufzeit in Anspruch nehmen, insbesondere in Ländern, in denen eine komplette institutionelle und bürokratische Infrastruktur geschaffen werden müsste.
Nein, meine Damen und Herren, der globale Emissionshandel als Voraussetzung, um mit einem ambitionierten Klimaschutz zu beginnen, ist keine Lösung. Wir können und dürfen den Klimaschutz nicht auf den Sankt Nimmerleinstag verschieben. Wir müssen die Lösung zunächst im eigenen Hause suchen. Das können wir mit der Modernisierung der Stromversorgung vorbildlich tun.
Ich bin von der Notwendigkeit und von der Machbarkeit dieser Mammutaufgabe zutiefst überzeugt.
Wir müssen die Emissionen des Stromsektors massiv senken. Hierzu müssen wir eine Modernisierung unserer Stromversorgung auf den Weg bringen mit dem Ziel „100 Prozent erneuerbar bis 2050“.
Hierbei müssen wir Nachhaltigkeitsstandards beachten, das heißt insbesondere, es geht nicht mit Kernenergie. Klimaschutz ist ein wichtiger Teilaspekt einer nachhaltigen Entwicklung, diese Aspekte lassen sich nicht auseinanderdividieren und stehen auch nicht in einem Wettbewerb im Sinne von das eine oder das andere! Der Emissionshandel bleibt flankiert von weiteren Maßnahmen ein sinnvolles Instrument, aber nur auf den Emissionshandel zu setzen reicht nicht.
Wir, und ich meine uns alle, müssen heute die Weichen für diese Modernisierung stellen.
Meine Damen und Herren, ich bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit.